Pferde, Freiheit und Balance - Teil 2

Pferde haben das dringende Bedürfnis nach Licht, Luft, großen Weiden und Freiheit. Es entspricht ihrer Natur (Fluchttier), stets auf der Hut zu sein. Aus diesem Grund ist es für ein Pferd so wichtig, dass es zu jeder Zeit seine vier Beine frei bewegen kann, denn nur dann ist es ihm möglich, vor der Gefahr zu fliehen. 

Meiner Meinung nach sollten wir darauf auch Rücksicht nehmen, wenn wir mit einem Pferd zusammenarbeiten wollen oder nur mit ihm zusammen sein wollen. 

Führe dein Pferd deshalb am langen, durchhängenden Seil, dann kann es immer im Notfall einen Satz zur Seite machen, wenn es sich doch einmal erschrickt. Nur dadurch, durch diese Art des Führens beruhigen sich viele Pferde schon oft, denn sie werden nicht "festgehalten". 

 

Frei sein...

Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Ich habe Höhenangst. Vor einigen Monaten stand ich am Rande eines Felsvorsprungs in den Bergen. Für jemanden wie mich war es eine immense Kraftanstrengung (vor allem mental), mich dem Abgrund mit langsamen Schritten zu nähern, obwohl es an der Kante nur etwa 4 Meter nach unten ging. Ich habe mich der Kante genähert, aber nur aus einem Grund: Ich hätte jederzeit wieder umdrehen und zurückgehen können, um mich aus dieser bedrohlichen Situation selbst zu befreien. Ich war frei. Hätte mein Mann Thomas mich jedoch fest am Handgelenk gepackt, hätte er mir in diesem Moment die Freiheit genommen. Er hätte es zwar gut gemeint und wahrscheinlich etwas gesagt wie "Komm, wir gehen einen Schritt näher zum Abgrund, ich führe und halte dich!" Doch er hätte nur das Gegenteil erreicht und mich in Panik versetzt. 

Genau so geht es deinem Pferd, wenn du ihm die Möglichkeit nimmst, seine Beine frei bewegen zu können. 

 

Führen auf Augenhöhe...

Dass wir unsere Pferde nicht physisch kontrollieren können, wissen wir, denn dazu sind sie uns kräftemäßig ganz einfach überlegen. Ich setze daher lieber auf eine Art respektvolle Partnerschaft und möchte meinem Pferd klar machen: "Ich respektiere dich, und ich erwarte Respekt von dir. Du kennst dich in meiner Menschenwelt nicht aus - im Gegensatz zu mir. Ich biete dir an, dich mir anzuschließen, weil du bei mir in absoluter Sicherheit bist."

Stell es dir vor wie das Führen beim Tanzen: Beide Tanzpartner befinden sich auf Augenhöhe, doch einer von beiden muss führen, da das Paar sonst aneckt, stolpert oder aus dem Rhythmus kommt.

 

Balance...

Das Fluchttier Pferd ist nur dann zu jeder Zeit in der Lage, so schnell wie möglich und ohne zu stolpern zu fliehen, wenn es in Balance ist und auch bleibt. Für mich (und auch dich) bedeutet das, dass ich diese Balance möglichst nicht stören darf. Und das fängt nicht beim Reiten an sondern beginnt bereits am Boden. Wie alles am Boden beginnt. 

 

Dein Pferd hat in jeder der 3 Grundgangarten mind. eine diagonal verlaufende Fussfolge, die für die nötige Stabilität sorgt. Und diese Stabilität dürfen wir auf keinen Fall stören, wenn wir unser Pferd nicht aus der Balance bringen möchten. 

Deshalb ist beispielsweise beim Longieren auf dem Zirkel (natürlich ohne Hilfszügel und mit passendem Kappzaum)  das richtige Timing deiner treibenden oder aktivierenden Hilfen das Allerwichtigste. Der kurze Impuls am Seil oder das feine Touchieren muss immer im Moment des abfußenden inneren Beins erfolgen - und zu keinem anderen Zeitpunkt. Denn sonst bringst du dein Pferd enorm aus der Balance. Oder glaubst du, dein Pferd kann z.B. weiter unter- oder nach innen treten, wenn du den Impuls in dem Moment gibst, in dem das gesamte Pferdegewicht auf dem Bein liegt? Nein. Beobachtet euch einmal selbst und hinterfragt eure treibenden Hilfen.

Und auch beim Reiten ist übrigens das richtige Treiben, also das Treiben im richtigen Moment enorm wichtig, um wirklich feine Hilfen geben zu können. Und um letztlich das Pferd gesunderhaltend zu reiten. 

 

Teil 3 und 4 zum Thema Pferdeverhalten, "Klarheit in der Kommunikation" und "Der Weg zum Pferd: Kontaktaufnahme, Führung --> Team!" lest ihr hier in den nächsten Tagen.