Die Führungsrolle des Menschen

Wie funktioniert eigentlich die viel diskutierte Führungsrolle bei meinem Pferd? 

Zuneigung, Anhänglichkeit, Unterordnung und Ergebenheit kann von einem Pferd nur derjenige erhalten, der dem Pferd eine klare Führung bietet. Das bedeutet nicht, das Pferd mit Schmerz oder Brutalität zu brechen sondern ihm durch Geradlinigkeit und gerechter Konsequenz eine Führungspersönlichkeit zu sein, die ihm das Gefühl des Vertrauens, der Geborgenheit und - ganz wichtig - der Sicherheit übermittelt. 

 

Hat der Mensch NICHT die Führungsrolle übernommen, tauchen zwangsläufig Probleme vom Boden und auch im Sattel auf, meist dann, wenn der Mensch damit beginnt, Forderungen zu stellen. Oft sind das Menschen, die mit ihren Gedanken überall und nirgends sind, nur nicht bei ihrem Pferd oder einfach mehr oder weniger bewusst auf Führung und Lenkung jeglicher Art verzichten. Diese Menschen wählen oft die Konfliktvermeidungsstrategie, übrigens nicht nur im Umgang mit dem Pferd sondern meist auch im Berufsalltag oder im Privatleben. Es wird Problemsituationen einfach aus dem Weg gegangen, in dem dieser Mensch seine eigenen Ansprüche zurückstellt und seinem Pferd (oder Mitarbeiter, Partner) die Entscheidung überlässt. Da muss dann das Pferd keine Pfütze durchqueren, wenn es das nicht will, darf dann galoppieren, wenn es gerade Lust dazu verspürt und der Mensch vermeidet grundsätzlich alles, was dem Pferd aus der Sicht des Menschen Unbehagen bereiten könnte. 

 

Doch was lernt das Pferd hier? Es lernt, alle anstehenden Entscheidungen des Alltags selbst treffen zu müssen, auch in Gefahrensituationen. Die Entscheidung, die das Pferd dann jedoch in solch einer Situation trifft, gefällt dem Mensch meist gar nicht. Doch jeder Versuch, die Entscheidung des Pferdes dann abzuwenden, ist zum Scheitern verurteilt, denn es hat schließlich gelernt, dass es die Führungsrolle selbst übernehmen muss. 

 

Manche Menschen schwören auch auf eine antiautoritäre Erziehung und glauben, dass sie ihrem Pferd etwas Gutes tun, wenn sie es sich frei entfalten lassen. Dass dies aufgrund des Fluchtinstinktes des Pferdes extreme Folgen haben kann, wird nicht bedacht. Von außen betrachtet, wirkt eine solche Gemeinschaft häufig sogar recht harmonisch, denn der inkonsequente Mensch bleibt für das Pferd berechenbar und die Rollen sind genau verteilt. Aber in Wirklichkeit ist das Pferd in solch einer Konstellation einfach absolut überfordert. 95 % der Pferde betrachten die Führungsrolle für sich nicht als erstrebenswert sondern lassen sich lieber lenken und leiten, anstatt selbst eine Führungsposition einzunehmen und verantwortlich zu sein. Nur, wenn der Mensch seine Aufgabe nicht erfüllt, also unzuverlässig und unglaubwürdig ist, übernehmen sie zu ihrer eigenen Sicherheit notgedrungen diese Führungsrolle. 

 

Dann gibt es die Menschen, die auf die ich sage immer "Friede-Freude-Eierkuchen"-Variante schwören. Diese äußert sich in ständiger Besorgtheit und "lieb sein". Dieses Verhalten des Menschen führt jedoch dazu, dass das Pferd irgendwann einmal notgedrungen die Führung übernimmt, weil es die Erfahrung gemacht hat, dass es sich auf seinen Menschen zwar in Sachen Fürsorge verlassen kann, aber nicht in Sachen Führung. 

 

Vollständiges Vertrauen bedeutet, sich der Führung des Menschen anzuschließen in der sicheren Gewissheit, dass der Mensch weiß, was wie, wann und in welcher Art und Weise zu tun ist - eben genauso wie die Leitstute. 

 

Fühlt sich das Pferd veranlasst, selbst die Führung zu übernehmen, bedeutet das immer, bei Gefahr zu fliehen, gegen Druck anzugehen, jederzeit seine Bewegungsrichtung und Gangart selbst zu bestimmen und sich ausschließlich auf seine Bedürfnisse zu konzentrieren. 

Was dann natürlich vorschnell als Unart oder als unerwünschtes Verhalten hingestellt wird, zeigt einfach nur ein handfestes Führungsproblem auf. 

 

Übernimmt der Mensch souverän die Führung, wird das Pferd bei Gefahr nicht fliehen sondern sich seinem Menschen anvertrauen, dessen Gefühl folgen statt dagegen anzugehen und dessen Bewegungsrichtung sowie die gewünschte Gangart aufnehmen. 

 

Aber wie nun übernimmt man souverän die Führungsrolle?

Wenn wir die Rolle der Leitstute übernehmen wollen, müssen wir 4 Basis-Verantwortungen übernehmen:

- Uns niemals wie ein Raubtier verhalten!

- Auf dem Pferd einen unabhängigen Sitz und am Boden immer den richtigen Standort haben!

- Die Kraft unseres Verstandes nutzen und lernen, wie ein Pferd zu denken!

- Uns konzentrieren!